Texte

Zu Tode getrommelt

«Die Blechtrommel» von Günter Grass kam vom Schauspiel Frankfurt als zweistündiger Monolog auf die Bühne des Stadttheaters. Ein Abend zum Verzweifeln.

In einem der ersten Kapitel seines Romans «Die Blechtrommel» lässt Günter Grass Koljaiczek, den Grossvater der Erzählerfigur Oskar Matzerath, auf der Flucht vor der Polizei spurlos verschwinden. «Man hat die Leiche meines Grossvaters nie gefunden», erzählt Oskar. Er selbst glaube zwar fest daran, dass der Grossvater im Wasser den Tod gefunden habe, fährt der Erzähler fort. Doch müsse er sich, «um glaubwürdig zu bleiben, hier den- noch bequemen, all die Versionen wunderbarer Rettung wiederzugeben». Nicht die eine, einzige Wahrheit wird also erzählt, sondern viele Versionen davon, auch wenn Oskar selbst glaubt, dass das alles «Unsinn und Fischer- geschwätz» ist, wie er sagt: Um glaubwürdig zu sein, muss Rücksicht genommen werden auf die Vorstellungskraft.

Diese höfliche Geste versagt Oliver Reese, der den Roman für das Schauspiel Frankfurt auf die Bühne gebracht hat, seinem Publikum. Denn natürlich lebt der Roman von diesem «Geschwätz», von der Fantasie und sprachlichen Erfindungskraft seines Autors, die ihrerseits die Vorstellungskraft der Leser fordert. Einen derart komplexen, vielstimmigen Text auf die Bühne zu bringen, dürfte schwierig sein; es ginge vielleicht, wenn man sich auf einen Ausschnitt beschränkte. Doch Reese will die «ganze» Blechtrommel, was bei zweistündiger Dauer nur eine «Abstract»-Fassung sein kann, eine Aneinanderreihung von «Highlights».

Verengung der Perspektive

Der Schauspieler Nico Holonics beeindruckt mit einer Fleissarbeit – die Vielstimmigkeit der Vorlage bleibt auf der Strecke. Wo der Text von Grass abhebt, bleibt Holonics am Boden. Das liegt nicht nur an der Inszenierung, die keine Interpretation liefert, weil sie keine eigene Idee und keine Aussage erkennen lässt.

Während die Lektüre des anspielungsreichen Romans eine mehrdeutige Partitur hervorbringt, die den geistigen Raum öffnet, haben wir es hier mit einer Verengung der Perspektive zu tun. Ich habe zwei Stunden lang ein Gesicht angesehen – dasjenige von Nico Holonics, der vorgibt, Oskar Matzerath zu sein, in Wirklichkeit aber nur sich selbst darstellt, als toller Hecht, der die «Blechtrommel» stemmt. Dabei gebärdet sich Holonics des Öfteren wie ein Fernsehkomiker, der es jetzt mal deftig angeht. Bei Grass hingegen verschwindet Oskar hinter der Überfülle des von ihm Erzählten.

Das Solo von Holonics beschränkt sich im Wesentlichen auf drei Tonlagen. Neben einem Grundton, in dem der Text relativ neutral rezitiert wird, gibt es einen kindischen Tonfall («Hallo!»), der vermutlich «dämonisch» gemeint ist, und einen empört polternden, gern und oft mit gestrecktem Arm oder geballter Faust, vermutlich erst recht in dämonischer Absicht, rückt doch da das Dritte Reich mehr und mehr ins Zentrum.

Doppelt unterstrichen

Diese Art der Verdeutlichung, die alles doppelt unterstreicht, kennen wir aus (schlechtem) Comedytheater. Das berühmte Zersingen der Fensterscheiben etwa bekommen wir ein ums andere Mal mit exakt derselben Kopfstimme plus Gestik geliefert. Und spätestens nach einer Stunde gibt es nur noch Wiederholungen. Das trifft auch auf die Regieeinfälle zu. Oskar in der Kirche? Orgelmusik. Oskar traurig? Wehmütiges Akkordeon. Oskar böse? Er haut das Messer in den Stuhl. Oskar wütend über den Faschismus? Marschiert über die Bühne. Der Zuschauer hätte seine Fantasie zu Hause lassen können, sie wurde hier nicht gebraucht. Mehr noch: Sie wurde an die Wand gespielt und zu Tode getrommelt.