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Heute abend: Guillotine!

Die Gnadenlehre des Reformators Martin Luther ist keine Kuscheldecke.

Wenn das Kirchenpersonal das Wort ergreift, legt es den Schwerpunkt nicht unbedingt auf Sünden und Leiden. Ehrlicherweise müsste es zwar zugeben, dass solche Hardcorethemen zum Kernbestand der Firmenphilosophie gehören. Aber die Konkurrenz im Freizeitsektor ist gross, und bei ungemütlichen Themen bricht das Publikum weg. Ich kann mich an einen Passionsweg im Jahr 2014 erinnern, in dem das Leiden überhaupt nur einmal, in Form von merkwürdigen sadomasochistischen Praktiken, vorkam.

Das Leben insgesamt erschien darin mehr so als eine Art Reise. Irgendwann sagen wir endgültig goodbye, fahren hinüber zu all den anderen, ob erlöst oder nicht, es wird schon nicht so schlimm kommen. Das Reformationsjubiläum bringt die schwierigen Begriffe aber nun zurück – im Zusammenhang mit dem Ablassthema (vgl. «Landbote» vom 31. 12.).

In seinen 95 Thesen wandte sich Luther unter anderem gegen Ablassprediger, die den Leuten falsche Versprechungen machten: Wenn sie genug tief in die Tasche griffen, hätten sie ihr Seelenheil auf sicher. Ein ein- trägliches Geschäft: Mit dem, was da zusammenkam, wurde unter anderem in Rom der Bau des Petersdoms finanziert.

Doch der Ablass war – das wird heute gerne übersehen – erlösungsgastronomisch gesprochen nicht die Hauptmahlzeit, sondern das Dessert. Er bezog sich auf die sogenannten Sündenstrafen, und diese waren eine Auflage, eine Zusatzleistung, die man nach der Beichte auch noch zu erbringen hatte. Das Wesentliche, die göttliche Vergebung, konnte man nicht kaufen, dazu half menschlicherseits nur die Reue. Und weil man davon ausging, dass der Mensch sündigte, solange er lebte, hatte niemand je das Heil auf sicher. Genau das war es, was Luther richtigstellen wollte.

Der Missbrauch des Ablasses um 1500 ist unbestritten. Aber er hatte auch einen sozialen Aspekt, von dem heute selten die Rede ist: Ein anderer konnte für mich den Ablass leisten. Und das war keine Einbahnstrasse nach Rom: Es gab auch Päpste, die sich dazu verpflichteten. Dahinter steckte letztlich die Vorstellung einer solidarischen Gemeinschaft.

Die Reformation hat damit aufgeräumt und so den modernen Individualismus vorweggenommen, in dem jeder nur für sich selbst verantwortlich ist. «Sola gratia» und «sola fide» ist die neue Währung: Allein durch die Gnade und den Glauben gibt es Heil und ewiges Leben. Man stellt sich das heute gerne vor wie einen Wettbewerb, bei dem alle mitmachen dürfen und wo es nur Gewinner gibt.

Das Gegenteil ist der Fall. Wer gewinnt, ist nämlich längst entschieden, und auserwählt sind nur sehr wenige. Gott hat das alles schon geregelt, ob für oder gegen mich, kann ich nicht wissen: Das ist die Gnadenlehre, die der ehemalige Augustinermönch Luther vom Kirchenvater Augustinus übernommen hat.

Nach Luther – und dasselbe gilt für Zwingli und Calvin – kann also keine Rede davon sein, dass der Mensch nur wollen muss, damit ihm Gott sanft über den Kopf streicht und ihn mit der Gnade salbt. Aber wollen darf ich – und warten auf den Schlusspfiff. Um es dann zu erfahren, ob ich dazugehöre. Das ist, zugegeben, keine ganz unspannende Ausgangslage. Obwohl sie mir bekannt vorkommt. Ich lasse mich auf die Warteliste setzen, warte und warte, und dann: Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir Ihre Bewerbung nicht berücksichtigen konnten.

Das ist Hardcore, denn eine weitere Runde wird es nicht geben. Es ist, als käme eine Einladung hereingeschneit: «Heute Abend: Guillotine! Wir freuen uns auf Sie!» Ich freue mich auch!, rufe ich, denn nach dem langen Warten freue ich mich wirklich über etwas Abwechslung. Allerdings hätte ich schon gerne gewusst, ob ich als Zuschauer oder Hauptdarsteller erwartet werde. Nur schon, damit ich mir etwas Passendes anziehen kann. Aber vielleicht ist es nun auch einfach an der Zeit, das Programm zu wechseln. Wie wärs mit Buddhismus?